Rezensionen
Rezensionen: Wencke Myhre in der Presse
Münchner Merkur, 09.03.2010, von Nico Bauer
Besuch von einer Legende
Wencke Myhre ist eine Schlager-Legende. Am Sonntagabend gastierte die ewig junge Norwegerin im Garchinger Bürgerhaus. Sie bot eine Bühnenschow von Weltformat und wurde gefeiert wie Dieter Bohlens Superstars. Dieses Konzert ragt gleich aus mehreren Gründen heraus aus der Reihe hochkarätiger Veranstaltungen des Garchinger Kulturprogramms. Die Künstlerin bekam vom ersten Lied an stehende Ovationen von den Besuchern und mit jedem Stück wuchs die Begeisterung. Als die ersten beiden Damen ihre Sitzplätze verließen, um neben der Bühne zu tanzen, bekamen sie schnell Besuch von ihrem durch die Reihen wieselnden Star. Es war unübersehbar, dass hier kein gezüchtetes Castingwesen sang, sondern ein selbstbewusstes und spontanes Stück deutscher Musikgeschichte auf der Bühne stand.
„Wenn ich koche, dann nehme ich immer eine Dosis zu viel“, erklärte sie dem Garchinger Publikum. Und daraus entstand dann auf dem aktuellen Album das Lied „Lieber ein Schuss zu viel als ein Hauch zu wenig“. Genau dieses Stück wiederum beschreibt Wencke Myhre am besten. In einer Passage dieses Liedes singt sie von ihrem Alter über 60, „aber ich bin gefühlte 30“. Gefühlte 30 Jahre war die Künstlerin auch bei ihrer temperamentvollen und mitreißenden Bühnenshow. Die Frau in den Jeans und dem Glitter-Oberteil würde noch heute die Blicke eines ganzen Discopublikums auf sich ziehen. Von einer Künstlerin auf Karriere-Abschiedstournee ist hier nichts zu spüren, vielmehr wirbt die Legende des Unterhaltungsgeschäfts dafür, „das Leben einfach volle Pulle zu genießen“.
Wencke Myhre sang einige Lieder ihrer neuen Platte und zeigt, dass sie keinen Abklatsch alter Hits macht wie manch ein Dinosaurier der großen Bühnen dieser Republik. Die Lieder sind neu und haben genauso eine Faszination wie ihre Songs vor 30 oder 40 Jahren. Einfach nur Altes aufzuwärmen passt nicht zu dieser Powerfrau, bei der die Grenzen zwischen gefühlvoll und einfühlsam bis temperamentvoll und explosiv oftmals nahtlos ineinander über gehen. Wencke Myhre passt in keine Schublade, und das lebt sie auch stolz auf der Bühne. Sie liebt es, die Menschen zu überraschen. So sang sie in Garching eine Passage in perfektem Baierisch. Diese Frau kann vieles und macht doch nur das, hinter dem sie voll steht.
Ein Stück ihres Herzens ist ein norwegischer Megahit von 1993, den sie mit dem deutschen Titel „Wir leben“ noch heute inbrünstig singt, um ihren Fans zu zeigen, dass es auf der Welt Wichtigeres als Geld gibt. Keine Sekunde der 90 Minuten andauernden Zeitreise war langweilig.
Wencke Myhre brachte ihre großen Hits wie beispielsweise „Er hat ein knallrotes Gummiboot“, dazu wurden passend zu den Jahrzehnten ihrer eigenen Erfolgsgeschichte Bilder aus ihrer Kindheit und der Jugendzeit auf Leinwand gezeigt. Und auf der Bühne tanzte dazu die ewige Jugend. So etwas hat das Garchinger Bürgerhaus selten erlebt.
Süddeutsche Zeitung, 09.03.2010
Legende der Schlagerszene
Die Vielfalt ihrer künstlerischen Ausdruckskraft und eine scheinbar unzähmbare Energie haben ihr die Bezeichnung „Tina Turner des Nordens“ eingebrach. Auch im fast ausverkauften Garchinger Bürgerhaus hat die Norwegerin Wencke Myhre, eine wahre Legende der Schlagerszene, bewiesen, dass die 63-Jährige noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Und dass, wo sie doch seit den 60er Jahren auf der Bühne steht und mit ihrem „Knallroten Gummiboot“ schon auf der ganzen Welt unterwegs war.
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Kultur, 5. Mai 2008, von Michael Köhler
Mit dem Schalk im Nacken
Ein Hoch der Liebe: Wencke Myhre singt in der Alten Oper
Packt Wencke Myhre ihr „knallrotes Gummiboot“ aus, bleibt garantiert kein Auge trocken. Auch wenn der unverwüstliche Schlager im zünftigen Marschrhythmus mittlerweile 38 Jahre auf dem Buckel hat. Der Sommerhit von 1970 scheint für die Ewigkeit gemacht zu sein. Und wandelbar im Arrangement ist er obendrein, das aufblasbare Gefährt birgt ungeahnte Möglichkeiten.
Doch die noch immer jugendlich wirkende, 61 Jahre alte norwegische Sängerin kann mehr, als Evergreens wie „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“, „Lass mein Knie, Joe“ und „Abendstunde hat Gold im Munde“ aus einer fängst vergangenen Ära im aktuellen Gewand zu interpretieren. Hatte Myhre doch ihr facettenreiches Talent schon 1974 in ihrer ersten deutschen Fernsehshow „Das ist meine Welt“ erkennen lassen. Drei Dekaden später stellte sie hierzulande ihre Vielseitigkeit im Gespann mit den Kolleginnen Gitte Haenning und Siw Malmkvist unter Beweis, mit Jazz, Blues, Rock, skandinavischen Volksliedern und Abstechern ins Musical. Solides Handwerk, gepaart mit der souveränen Routine von Jahrzehnten - eine Mixtur, wie sie heutzutage nur noch selten vorkommt.
So ist auch diesmal der Empfang in der Frankfurter Alten Oper stürmisch, wenn das Gastspiel auch nur mäßig besucht ist. Bei der lässigen Version von „Got To Get You Into My Life“ der Beatles wird ihre natürliche Stimmgewalt vom Orchester noch übertönt. Wenige Augenblicke später bezaubert Wencke Myhre mit der romantischen Ballade „Wenn Du mich berührst“ und eigenwilligen Interpretationen von „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ und „Tapetenwechsel“ von Hildegard Knef.
Horst Jankowskis Ohrwurm „Ein Hoch der Liebe“, 1968 Platz sechs beim Eurovision Song Contest, folgt James Lasts „So eine Liebe gibt es einmal nur“ - samt drolligem Ausschnitt aus der Kinokomödie „Unsere Pauker gehen in die Luft“, wo die Myhre urkomisch als Hauptdarstellerin mitwirkte. Kess und ebenfalls nicht ohne komödiantische Momente serviert sie den „Strohwitwen-Blues“, Streut ein norwegisches Medley ihrer frühen Erfolge mit ein, die Anfang der sechziger Jahre entstanden sind, als sie noch minderjährig einen Talentwettbewerb gewann. Authentisch gospelt sie sich durch die deutsche Version von „You Can Have Him“ und vergisst auch nicht, die in vorderer Reihe sitzende Kollegin Mary Roos zu begrüßen. Schlicht verblüffend schließlich ist eine komplett verrockte Version von „Mit 66 Jahren“.
Auch im fortgeschrittenen Alter sitzt Myhre der Schalk im Nacken, Selbst vor ihrem derzeitigen Lebensgefährten macht die Ironie nicht halt: „Darf ich vorstellen... Anders Eljas, Pianist, Dirigent und Arrangeur. Er kommt aus Schweden, ist aber trotzdem ein netter Mensch,“ Während der Wirbelwind sich umzieht, serviert Eljas mit dem Orchester eine konzertante Fassung von „One Night In Bangkok“. Immerhin arrangierte Eljas, einst Keyboarder bei Abba, auch das Musical „Chess“ von Björn Ulvaeus und Benny Andersson. Eine ganz in Schwarz gekleidete Myhre singt Lieder, die unter die Haut gehen, bis zum Finale „Geh mit mir durch den Regenbogen“, der deutschen Version von „Bridge Over Troubled Water“. Große Stimme, großes Herz, ein großartiger Abend.
Frankfurter Neue Presse - Kultur, 5. Mai 2008, von Joachim Schreiner
Wie eine Brücke über reißendem Wasser
Entertainerin Wencke Myhre bot in der Alten Oper Frankfurt eine bunte Personalityshow mit alten Schlagern und neuen Songs.
Einem bekannten Schlagertext zufolge fängt das Leben erst mit 66 fahren an. Demnach härte Wencke Myhre noch fünf Jahre Zeit. Doch die Norwegerin steht schon seit frühester Jugend im Rampenlicht und hat keine Chance ausgelassen. All ihre Erfahrungen im harten Unterhaltungsgeschäft hat die auf der Bühne ständig unter Dampf stehende Unterhalterin bestens genutzt, um nun, im siebten Lebensjahrzehnt, in ihrer neuen Show Bilanz zu ziehen. Und mit einer opulenten Band im Rücken frisch von der Leber weg zu plaudern, zu räsonieren und zu rocken, zu rollen, zu swingen und den Blues anzustimmen.
Kunterbunt ist der Streifzug durch Lieder, die andere geschrieben haben, die Myhre aber allesamt zu ihren eigenen macht. Anders Eljas, bekannt geworden als Pianist und Arrangeur bei “Abba“, hat die Stücke für die regelrecht orchestrale Klangfülle abstrahlende Band inklusive Streicher und Chor neu in Form gebracht. Da er zugleich der Lebenspartner des Stars ist, war an diesem Abend eine künstlerisch ergiebige „Ehe“ zu erleben. Nachdem sich das theatralisch wirkende Trockeneis auf der Bühne gelichtet hatte, gab Myhre dem „Beatles“- Klassiker „Got To Get You Into My Life“ die Sporen. Zunächst in dunkler; enger Hose zur weißen Bluse auftretend, empfahl die Sängerin mit der modulationsreichen Stimme: „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“.
Natürlich: Die Schlagervergangenheit sollte nicht ausgeblendet werden; schließlich hat die Entertainerin in diesem Metier angefangen und internationale Erfolge eingeheimst Doch wurde das „Knallrote Gummiboot1“ klanglich einer Frischzellenkur unterzogen, indem die Musiker dem Stück wechselweise Klezmer-Schmiss, Marschrhythmen und Countrysteelgitarre unterjubelten. Zuvor hatte Myhre ihrem Idol Hildegard Knef, die sie 1986 kennenlernte, Reverenz erwiesen und „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ als gediegenes Chanson interpretiert sowie „Tapetenwechsel“ als schmissigen Tango und so eine erste Ovation vom Publikum erhalten. „Bangkok“ aus dem Musical „Chess“ kam instrumental über die Bühne, so dass die Norwegerin sich eine schwarze Bluse anziehen konnte, passend zum „Strohwitwenblues“, den sie mit der Emphase und der röhrenden Wut einer schwarzen Sängerin gab. Auch der feine Balladenton ließ in der Gala des perfekten Entertainments nicht auf sich warten, dokumentiert in den Liedern „Wenn du mich berührst“, „So eine Liebe gibt es nur einmal“ und der offiziellen Schlussnununer „Geh mit mir durch den Regenbogen“, der deutschen Fassung von „Bridge Over Troubled Water“.
Offenbach-Post - Kultur, 7. Mai 2008, von Ferdinand Rathke
Wencke Myhre
Aufregend arrangierte Klassiker
Unterhaltung ist Trumpf, wenn Wencke Myhre ihre Show 2008 mit 17-köpfiger Bigband präsentiert. Älter an Jahren, reifer an Erfahrung, weckt die seit mehr als fünf Dekaden in der Showbranche tätige Veteranin nostalgische Regungen sogar bei denen, die früher Verachtung zeigten, wenn sie als Schlager-Luder im kessen Mini „Sprich nicht drüber“, „Er steht im Tor“, „Weißes Tuch im blauen Jackett“, „Kasimir“ oder „Der Mann auf dem Zehnmarkschein“ intonierte.
Wencke weiß, dass die Fangemeinde, darunter Kollegin Mary Roos, vor allem eins liebt: die Hits von damals. So verkneift es sich die Sängerin, ihre Klassiker in künstlerisch unbefriedigenden Medleys abzufeiern. Dafür erklingen „Beiß nicht gleich In jeden Apfel“, „Abendstunde hat Gold im Munde“, „Lass mein Knie, Joe“ und „Ein Hoch der Liehe“ in aufregend neuen Arrangements, Den Gassenhauer „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ serviert sie souverän als rustikalen Countrysong, bayerische Volksmusik oder unglaublich authentisch im harten Rammstein-Stil.
Allein ihre Vergangenheit würde ein Programm füllen. Doch besitzt die jugendlich wirkende Unterhalterin viele weitere Facetten. Das macht die 61 Jahre junge Norwegerin zum Auftakt mit einer verswingten Version von „Got To Get You Into My Life“ der Beatles deutlich. Eine Hommage an Hildegard Knef verblüfft. „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ mag etwas abgegriffen wirken; dafür verrät der surrealistische „Tapetenwechsel“ im Tango-Rhythmus originellen Charakter.
Durch 20 Songs, fabelhaft arrangiert von ihrem Lebensgefährten Anders Eljas, brilliert sich Wencke, aufgelockert durch Anekdoten, Liefert mit „Am Ziel“ einen melancholischen Auszug aus dem Musical „Chess“. Urkomisch agiert der ehemalige Kinderstar im „Strohwitwen-Blues‘‘. Besinnlich beschwört sie „Wir leben“, gospelt sich stimmgewaltig durch „Lass die Liebe“. Lasziv rockt sie „Mit 66 Jahren“, als wäre sie die nordische Tina Turner.
2012 erreicht Myhre das Rentenalter. Doch ein Rückzug ins Private kommt, wie das Temperamentbündel unlängst betonte» nicht in Frage: „Auf der Bühne stehen möchte ich, bis ich tot umfalle...“
Allgemeine Zeitung Mainz - Feuilleton, 06. Mai 2008, von Rudolph Lerch
Im roten Gummiboot
Vielseitige Wencke Myhre in der Alten Oper
Wie sich doch die Zeiten ändern. Die in Deutschland lange Jahre ignorierte Vielseitigkeit der brünetten Norwegerin, die in ihrem Heimatland schon seit Dekaden mit Jazz, Blues, Rock, Pop, Volkslied und Musical unterhält, erfreut unter dem etwas faden Motto „Wencke Myhre Show 2008“ nun auch hierzulande ein gleich mehrere Generationen einendes Publikum. Dennoch finden nicht gerade viele Fans den Weg in die Alte Oper Frankfurt. Selbst wenn mit Kollegin Mary Roos Prominenz in vorderen Sitzreihen Einzug hält. Rührende Huldigungen nimmt Wencke Myhre mit jener selbstironischen Distanz entgegen, die Künstler entwickeln, wenn sie lange mit dabei sind und prinzipiell nichts mehr zu verlieren haben. Längst schon hat die resolute Sängerin realisiert, dass sie einer aussterbenden Spezie angehört, die Talent, Inhalt und Authentizität weit über die heutzutage geltenden Branchennormen wie Verpackung, Produktion und Marketing stellt.
Doch das gibt die auch mimisch begabte Myhre nicht unbedingt zu erkennen. Kokettiert lieber bei kleinen Plaudereien im zügig abgespulten Repertoire mit ihrem Alter. Zu entdecken gibt es viel. Zwischen unverzichtbaren Hits wie „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“, „Abendstunde hat Gold im Munde“, „Lass mein Knie, Joe“ und einer erstaunlichen Weltreise im „Knallroten Gummiboot“, serviert sie resolut eine Überraschung nach der anderen.
Etwa eine zweiteilige Huldigung an Hildegard Knef. Oder aber eine schmissige Interpretation von „Got To Get You Into My Life“ der Beatles gleich zum Auftakt. Arrangiert hat den unterhaltsamen Melodienreigen im Big-Band-Sound ihr derzeitiger Lebensgefährte und Orchesterleiter Anders Eljas, ehemals Pianist von ABBA. Ein Mann vom Fach, der auch schon die Tournee im Gespann mit Gitte Haenning und Siw Malmkvist betreute.
Anders Eljas ist es auch zu verdanken, dass Wencke Myhre einen Auszug aus dem Musical „Chess“ präsentiert. Schließlich arrangierte Eljas einst das Projekt der beiden männlichen ABBA-Mitglieder. Auch wenn Stimmungsmacher wie der „Strohwitwen-Blues“ oder ein „Norwegisches Hit-Medley“ aus der Frühzeit in der Gunst des Publikums klar vorne liegen, sind doch die balladesken Momente die größten Herausforderungen. Besonders eindrucksvoll gelingt das mit der deutschen Version von Simon & Garfunkels „Bridge Over Troubled Water“ zum Finale.